Programme

CLAVIER-GIGANTEN

Literatur ⇢ Hammerklavier

Selten genug erklingen die Werke für solistisches Tasteninstrument von Johann Sebastian Bachs ältestem Sohn Wilhelm Friedemann in Clavierabenden. Wesentlich seltener tun es die atemberaubenden und hochdiffizilen Werke seines Dessauer Schülers und ab 1775 dortigen Musikdirektors Friedrich Wilhelm Rust, aus dessen Clavier-Oeuvre Jermaine Sprosse im Jahr 2017 eine Solo-CD mit Ersteinspielungen (Sony/dhm) vorgelegt hat. Wahrscheinlich noch nie jedoch erklangen beide CLAVIER-GIGANTEN in einem Rezitalprogramm! Dies ist umso bemerkenswerter, stellen sie doch auf gewisse Weise den Anfang (Bach) und das Ende (Rust) eines (Clavier-)stilistischen Kosmos’ dar, für den häufig zu lesende Titel wie empfindsamer oder norddeutscher Clavierstil allenfalls partiell aussagekräftig zu sein scheinen.

Friedrich Wilhelm Rust
Allegro brillante


 

Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784)
Sonate in B-Dur F.9
Un poco Allegro – Grazioso – Allegro di molto – Andantino – Allegro di molto

Friedrich Wilhelm Rust (1739-1796)
Clavier-Sonata in g-Moll
Allegro brillante – Adagio sostenuto – Allegretto

Wilhelm Friedemann Bach
Polonaisen in C-Dur und e-Moll F.12

+++ Pause (optional) +++

Fantasia in a-Moll F.23

Friedrich Wilhelm Rust
Sonata per il Cembalo in D-Dur
Introduzione Grave (J. Sprosse 2016) – Allegro – Poco Grave

 

Zum Programm:

Aus dem nicht zuletzt hinsichtlich der anzutreffenden formalen Gattungen vielfältigen Tastenwerk Bachs (zahlreiche Sonaten, Fantasien, Polonaisen, Fugen etc.) erklingen je eine Sonate und eine Fantasie, sowie zwei der zwölf Polonaisen. All diese Stücke dürften eher in die Schaffensperiode nach 1760 datiert werden, was im Falle der Polonaisen als sicher gilt. Im Unterschied zu frühen Sonaten Bachs ist die Sonate in B-Dur von eher leichter, kantabler, sehr lyrischer Natur. Typische Aspekte früherer Sonaten wie die rhythmische Komplexität sowie die bemerkenswerte, bis hin zur Schroffheit gehende Vollgriffigkeit sind nicht anzutreffen. Vor allem verzichtet Bach auf strenge kontrapunktische Formen, wie bspw. seine D-Dur-Sonate von 1745 bezeugt, in der sowohl der langsame Satz Adagio als auch das finale Vivace Fugen bzw. kontrapunktisch anspruchsvolle Kompositionen erster Güte sind.

Die Gegensätze könnten kaum grösser sein als in den Charakteren der Kopfsätze von Bachs Sonate in B-Dur und derjenigen Sonate in g-Moll von Rust. Sucht Bach wie in wenigen anderen Sonatensätzen das Empfindsame, Klagende, Schwebende, geht Rust stürmend und drängend in Form eines heftigen, toccatenartigen Allegro brillante (dieser Satztitel taucht meiner Kenntnis nach hier zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum auf, nicht wie ich dachte bei Beethoven, Anmerkung des Künstlers) quasi auf den Hörer los. Die Mittelsätze Bachs und Rusts sind hingegen auf ähnlicher Wellenlänge, wenngleich Rusts Expressivität unmittelbarer, ja in Form plötzlicher, chromatischer Unisono-Oktaven beinahe bedrängend ist. Ein kesses, ungestümes Allegretto (quasi Minuetto) beschliesst die Sonate. Kurz vor Ende des Satzes erklingt – gänzlich unerwartet – ein Adagio von ungemein dichter, kraftvoller, fast berstender Textur. Ein unglaublicher Moment!

Bachs Polonaisen sind inzwischen vielleicht seine bekanntesten Clavierstücke. Charakterlich und hinsichtlich der Affektsprache im Allgemeinen von großer Bandbreite, sind sie der wahrscheinlich erste Zyklus derart anspruchsvoller Polonaisen für Tasteninstrument allein. Im hiesigen Konzertprogramm sind diese Glanzstücke Bachs vertreten in Form zweier Antipole: die Polonaise in C-Dur ist eher rustikaler, bodenständiger Natur mit vollgriffigen Akkorden und einer sehr klaren, der Polonoise als Tanz verpflichteten Rhythmik. Die Polonaise in e-Moll ist von ganz anderer Natur. Sie wirkt charakterlich unstet, zerklüftet, von grosser innerer Leidenschaft getragen. Der schwebend-klagende Grundgestus ist von einmaliger Schönheit.

Eher draufgängerisch und wild kommt die Fantasie in a-Moll daher. Sie weist überraschende harmonische Wendungen auf und ist insgesamt – nicht allein ihrer Dauer von wenigen Minuten wegen – äußerst kurzweilig. Besonders ist, dass sie am Ende in a-Moll kadenziert, der freie fantastische Beginn dieser Fantasie jedoch ist in C-Dur.

Als wäre das Ende von Bachs Fantasie in a-Moll eine Art musikalischer Doppelpunkt, schliesst sich umso wirkungsvoller die langsame, gravitätische Einleitung zu Rusts letzter Sonate in D-Dur an. Als Vorbilder dienten Sprosse hier zuerst die Introduktionen Haydns sowie Mozarts zu ihren Sinfonien, aber auch die langsame Einleitung zu einer weiteren, späten Sonate Rusts in e-Moll. Hierauf wirkt das Allegro aus Rusts D-Dur-Sonate erlösend, was dem heiteren, bejahenden Grundcharakter des Satzes durchaus entspricht. Die Sonate ist nicht nur das reifste, qualitativ höchst stehende Sonatenwerk Rusts, sondern – insbesondere aufgrund der hochkomplexen, großflächig angelegten Durchführung des ersten Satzes– eines der herausragenden Beispiele einer sogenannten Sonatenhauptsatzform in einem hochklassischen Claviersonatensatz. Zudem sei die von Rust auskomponierte Kadenz am Ende des ersten Satzes erwähnt, die diesen quasi von einer irdischen in eine himmlische Ebene hebt (daher auch in einer möglichst gedämpften, quasi entrückten Klangfarbe am Fortepiano zu spielen). Wie auch in anderen späten Sonaten Rusts verschmelzen langsamer Mittelsatz und schnelles Finale zu einer Einheit, was sich deutlich im Poco grave – 3/8 zeigt, in dem zwischen langsam und schnell höchst wirkungsvoll abgewechselt wird.