Programme

Virtuosen der Empfindsamkeit – CPE Bach und Zeitgenossen

Literatur ⇢ Cembalo

Virtuosen der Empfindsamkeit: Finessenreich stellt Jermaine Sprosse CPE Bach in den Mittelpunkt seines Programms. Neben mehreren Werken des Meisters selbst, spielt der Tastenkünstler eine wenig bekannte Sonate seines Bruders Wilhelm Friedemann. Erlesen interpretiert er zudem kaum bekannte Werke von Christoph Nichelmann und Carl Friedrich Christian Fasch, deren Sonaten unter dem Einfluss von Bachs Sonatenschaffen entstanden sind, jedoch ganz eigene Kunstwerke der Epoche darstellen.
 

Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)
Sonate in C-Dur BR A 2b
Allegro – Menuet I/II – Grave – Vivace

Christoph Nichelmann (1717–1762)
Sonate in h-Moll
Allegro – Andante – Presto

Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788)
12 Variations auf die Folie d’Espagne

+++ Pause (optional)

Carl Friedrich Christian Fasch (1736–1800)
Sonata per il cembalo in F-Dur
Allegro di molto – Larghetto – Presto

Carl Philipp Emanuel Bach
Polonaise (BWV Anhang 125)
Marche (BWV Anhang 124)

Carl Philipp Emanuel Bach
Sonata IV in d-Moll Wq. 51/4
Allegro assai – Largo e sostenuto – Presto

 

Zum Programm:

Zu Beginn erklingt die Sonate in C-Dur BR A 2b von W. F. Bach, welche in verschiedenen Fassungen mit teils erheblichen Unterschieden in der kompositorischen Substanz überliefert ist. Als eine Art Mischfassung spielt Jermaine Sprosse als Mittelsätze sowohl ein kontrapunktisch raffiniertes Paar an Menuetten (entsprechend später Fassungen der Sonate), das eine humorvolle Seite des Komponisten W. F. Bach durchblicken lässt, als auch ein kurzes, rezitativisches Grave (frühere Fassungen). Wie auch in etlichen anderen seiner Werke zeigt W. F. Bach eine Vorliebe für eine weitreichende, expressive Melodik und ihm höchst eigene harmonische Färbungen.

Die Werke für Cembalo Christoph Nichelmanns, der zwischen 1744 und 1756 als Hofcembalist Friedrichs des II. direkter Kollege C. P. E. Bachs war, sind heutzutage kaum im Konzertleben zu hören. Dies ist umso verwunderlicher, stellen die ca. 18 erhaltenen, eher kurzen Sonaten doch hervorragende Beispiele einer Mischform aus empfindsamer Sprache (Berliner Stil) und italienischer, galanter Setzart dar. Die Sonate in h-Moll aus den frühen 1740er Jahren besticht durch eine für Nichelmann eher ungewöhnliche, fast raue Expressivität und verlangt dem Spieler technisch einiges an Souveränität ab.

Bachs 1778 datierte Variationen über das Thema der Folia sind inzwischen recht bekannt und gehören sicher zum Stärksten, was Bach in seiner Hamburger Zeit (1768–1788) für solistisches Tasteninstrument geschrieben hat. Nach der Vorstellung des archaisch wirkenden Themas zu Beginn führt Bach den Spieler und die Hörer mit Beginn der ersten Variation unmittelbar in seine eigene, reife Klangsprache hinüber. Es wird eine große Bandbreite an Affekten durchschritten von sanftester Anmut bis hin zu berstender, orchestraler Wucht, sodass das Cembalo in seiner ganzen Vielfalt und Klangpracht zur Geltung kommt.

Der in den Six Sonates pour le Clavecin avec les reprises variées von C. P. E. Bach gezeigten Praxis veränderter Wiederholungen folgend, hat der Tastenvirtuose anlässlich seiner Début-CD The Kings Men in den Ecksätzen der Sonata per il cembalo von C. F. C. Fasch die Wiederholungen auskomponiert. Dabei kommt er zu spannenden Ergebnissen. Fasch, Nichelmanns Nachfolger als Cembalist am Hofe Friedrichs II., steht in seiner musikalischen Sprache direkt in der Tradition C. P. E. Bachs und hat einige hervorragende Sonaten sowie Charakterstücke hinterlassen.

Als Bonbons spielt Sprosse zwei kleine Stücke – eine Polonaise in g-Moll und einen Marche in G-Dur – aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, die der vermutlich kaum mehr als zehnjährige C. P. E. Bach unter der Aufsicht des Vaters komponiert hat. Sie sind von beachtlicher Qualität und weisen bereits auf die ungestüme Energie der Sonate in d-Moll Wq 51/4 voraus, mit der das Rezital schliesst. Die Sonate ist voller rhythmischer Verve und fordert Spieler und Hörer heraus, rasant allen Regungen und Neigungen zu folgen, die hier aufgeboten werden. Besondere Beachtung verdient der Mittelsatz Largo e sostenuto, dessen rasche, teils abrupte dynamische Wechsel das Cembalo an die Grenze seiner Ausdrucksmöglichkeiten bringen.